Almanak
Neue nordische Alltagsküche
Autor/-in: Claus MeyerVerlag: Echtzeit Verlag
«Almanak» ist Claus Meyers Traum von einem perfekten Essensjahr. Orientiert am Jahresverlauf und den Zutaten der jeweiligen Saison bietet das Buch mehr als 1000 Rezepte für alle Gelegenheiten.
Almanak ist das Kochbuch, das Claus Meyer erarbeitet … [weiterlesen]
Preis: € 68,00
Begründung der Jury:
Im Buch enthalten sind die Leibgerichte der Familie Meyer, neue Versionen traditioneller Gerichte und „eigene Versionen fremder Küchen, die neue Däninnen und Dänen mitgebracht haben“.
Was das bedeutet: Paella mit Rollgerste, Saltimbocca alla romana, dazu Weizenrisotto mit Lauch und Ziegenkäse, Sommerrollen mit Kohlrabi, Minze, Garnelen und dänischem Rauchkäse, Bulgur mit Grünkohl, getrockneten Moosbeeren und Meerrettich.
Etwas ungewohnt sind die in der Schweiz üblichen Deziliter-Angaben in den Zutatenlisten und manche Begriffe wie (elektrischer) Schwingbesen – der Verlag sitzt in der Schweiz.
Wichtig: Wer sich im Naanrezept auf S. 26 über die Zierpflanze „Jungfer im Grünen“ (Nigella damascena) wundert – deren Samen sind nicht für den Verzehr geeignet; hier bitte das Gewürz Schwarzkümmel (Nigella sativa) verwenden.
Ausgesprochen informativ sind die Zusatztexte unter „Raus in die Natur“ und „Glossar“ wie auch die kleinen Anmerkungen vor einzelnen Rezepten oder Wochen. Sehr charmant z. B. im November: „Im Wald kann es plötzlich von Waldschnepfen wimmeln, die sich auf ihrem Herbstzug hier niederlassen.“ Wie schade, dass ich nicht in Dänemark lebe.
Großes Plus an Alltagstauglichkeit: 33 Seiten Register und zwei (!) Lesebändchen.
Unbedingt erwähnen muss man auch die großartige Leistung der Übersetzerin Ricarda Essrich, die das gesamte Werk kongenial aus dem Dänischen übertragen hat.
Claus Meyer hat es geschafft, aus einer ohnehin schon spektakulären Rezeptsammlung etwas ganz Außergewöhnliches zu machen und sie mit Leben und Leidenschaft zu füllen – seine Begeisterung ist ansteckend!
Umso schöner, dass der Echtzeit-Verlag aus Basel unter dem Motto „Das Beste von gestern“ handverlesene, legendäre Kochbücher ins Deutsche bringt – wie jetzt Almanak.
Vielleicht das aufregendste Kochbuch dieses Jahres auf Deutsch: 832 Seiten, mehr als 1000 Gerichte, ein Jahr voller Ideen. Ein Buch, das nirgends imponieren will, aber tief beeindruckt, weil es achtsam macht und Wissen vermittelt – ein Ideenschatz, nicht nur für ein Jahr, sondern für den Rest des Lebens. Meyer mag das jahrelang weltbeste Restaurant Noma mitgegründet haben, doch Almanak ist völlig geerdet. Sein Traum: „gutes, einfaches, selbstgekochtes Essen, das nach der jeweiligen Jahreszeit duftet und schmeckt.“
Das Buch ist Jahresbegleiter, dem jedes Prätentiöse abgeschrubbt ist. Darin verschmelzen persönliche Geschichte, Lieblingsgerichte der eigenen Kinder, Rezepte, Natur- und Warenkunde zu einem großen Ganzen. Verwurzelt in der nordischen Küche, doch offen für Einflüsse von außen – kreativ, nie dogmatisch, nie belehrend.
Meyer serviert Rote-Bete-Salat mit Orangen und Joghurt, gefüllte Tomaten mit Getreide und Ziegenfrischkäse, Makrele mit warmem Rhabarberkompott, Kebab vom Sommerbock mit Koriander und Minze, Crème brûlée mit Bier, Sauermilch mit Mirabellenkompott, Ravioli mit Wirsing und Speck. Ergänzt wird das durch Fotos von stiller, natürlicher Schönheit. Vorbildlich auch die Struktur: Jeder Monat beginnt mit einem Überblick über die Gerichte, dazu ein sattes, 33 Seiten starkes Register für alle, die Rezepte zu einer bestimmten Zutat suchen.
Almanak ist kein selbstbespiegelndes Hochglanzmanifest eines Starkochs, sondern ein Buch, das man benutzt, bis die Seiten speckig und die Ecken abgewetzt sind. Gute Küche braucht keine Sterne. Sie braucht nur einen Korb, einen Wochenmarkt, vielleicht Wald, Wiese – und dieses Buch.
Viele Rezepte sind unkompliziert, andere bewusst ambitionierter und als Inspiration gedacht – ein Wechsel, der zum Konzept gehört. Zentral ist Meyers produktnahe Haltung. Er arbeitet mit dem, was der Norden hergibt – von Moosbeeren bis Kliesche – und macht transparent, dass nicht alles überall verfügbar ist. Daraus entsteht keine Exklusivität, sondern eine Einladung, regional zu denken und eigene Lösungen zu finden. Globale Einflüsse integriert er dennoch, ohne den nordischen Kern zu verlieren.
Gestalterisch ist „Almanak“ bewusst zurückhaltend; statt Tellerfotografie erzählen Landschaften, Produkte und eine ruhige Typografie vom Wesen des Nordens. Klare Rezeptstruktur und ein vorbildliches Register machen das Buch zu einem zuverlässigen Nachschlagewerk. „Almanak“ ist ein beeindruckendes Kompendium nordischer Saisonalität – ein substanzreiches, inspirierendes Standardwerk.
Angesichts der Fülle an Rezepten ist es nachvollziehbar, dass viele nicht bebildert sind; die vorhandenen Fotos wirken bodenständig und funktional. Die Vielfalt an Gerichten und Produkten ist enorm – von unkomplizierten Alltagsrezepten bis hin zu echten Tagesprojekten. Ich kann praktisch jede beliebige Woche aufschlagen und finde sofort etwas, das ich nachkochen möchte. Produktporträts wie das zum Löwenzahn sowie ausführliche Anleitungen etwa zur Wurstherstellung runden das Buch ab.
Einziger Wermutstropfen: Während im Vorwort ein moderater Umgang mit Hefe betont wird, enthalten die Brotrezepte teilweise überraschend hohe Mengen – bis zu 75 g auf 1 kg Mehl (S. 41).
Trotzdem: Wenn ich nur ein einziges Kochbuch besitzen könnte, stünde dieses ganz weit oben auf der Liste.
Doch sobald man zu lesen beginnt und erfährt, wer dahintersteht, ergibt genau diese Gestaltung plötzlich Sinn. Je länger ich mich mit dem Buch beschäftigt habe, desto mehr ist es mir ans Herz gewachsen. Ich habe richtig Freude daran gefunden, mir die Gerichte anhand der Rezepte gedanklich auszumalen.
Das Werk umfasst rund 1000 Rezepte aus der skandinavischen Küche für 365 Tage im Jahr, ergänzt durch fundierte Warenkunde. Ein echtes Standardwerk – was kaum überrascht, denn der Autor ist Mitbegründer des weltberühmten Restaurants Noma.
Dieses seitenreiche, beinahe lexikonartige Format muss man mögen. Doch für alle, die keine Bilder benötigen, um beim Kochen ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen, ist es ein Schatz, der lange begleitet.
Saison
Bester Genuss das ganze Jahr
Autor/-in: Andreas Neubauer • Mathias NeubauerVerlag: GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
DER FEINSCHMECKER feiert 50 Jahre mit "Saison"Tauchen Sie ein in ein kulinarisches Feuerwerk mit Saison, dem opulenten Jubiläumskochbuch anlässlich 50 Jahre DER FEINSCHMECKER. Dieses Meisterwerk bietet über 140 kreative Rezepte, die perfekt auf … [weiterlesen]
Preis: € 40,00
Begründung der Jury:
Die kreativen Rezepte von Andreas Neubauer sind nach Jahreszeit und zusätzlich nach der Hauptzutat geordnet – sehr praktisch! Die Fotos von Mathias Neubauer sind kulinarische Kunstwerke: modern, stilvoll und mit satten Farben, die Gerichte häufig vor dunklem Hintergrund, was sie besonders gut zur Geltung bringt. Das Layout ist übersichtlich, die Rezepttexte klar formuliert. Sehr hilfreich: acht Seiten Register!
Kurz gestutzt habe ich, dass im Winterkapitel Löwenzahn serviert wird und der Frühling mit einem etwas wirr erscheinenden, rudimentären Mörike-Zitat eingeleitet wird. Ansonsten lässt sich ausschließlich Positives sagen: außerordentlich inspirierende und sorgfältig kombinierte Rezepte auf gehobenem Niveau – anspruchsvoll, aber nicht übermäßig kompliziert: Kirsch-Gewürz-Gazpacho mit Basilikum-Joghurt-Sorbet, Wirsing-Kohlrouladen mit Dörrobst-Wild-Füllung, Ziegenkäse-Pekannuss-Tarte mit Pflaumen-Chutney, Saltimbocca vom Zander auf Orangen-Fenchel-Salat mit Harissa-Joghurt, Orangen-Passionsfrucht-Süppchen mit Schoko-Nougat-Ravioli, … Man möchte einfach alles kochen und backen!
Andreas Neubauers Rezepte verbinden Klassiker mit neuen Ideen und bieten eine Bandbreite, die sowohl alltagstauglich als auch überraschend ist. Ebenso prägend ist die Bildsprache von Mathias Neubauer: sinnlich, präzise und farbfein, mit einer redaktionellen Klarheit, die Essen und Zutaten ohne künstliche Effekte inszeniert und das Saisonale in den Mittelpunkt stellt. Dieses Zusammenspiel hebt „Saison“ deutlich aus der Vielzahl vergleichbarer Jahreszeitenbücher heraus.
Dafür sorgen seit zehn Jahren die Brüder Andreas und Mathias Neubauer, Spitzenkoch und Food-Fotografen-Legende, mit ihrer „Saisonküche“, „Herzstück jeder Ausgabe“, wie Chefredakteurin Gabriele Heins schreibt. Nun erscheint das Beste vom Besten in einem Prachtband: Saison.
150 Rezepte, die den Gaumen verzaubern und die Augen glänzen lassen. Wer Menschen in freier Wildbahn beim Blättern beobachtet, muss mit sehnsüchtigen Seufzern oder manischem „Bäpper“-Einkleben rechnen. Wie wäre es mit einer Aprikosen-Focaccia mit Mandeln, Rosmarin-Feta und Pancetta als Gruß der Küche? Als Entrée danach eine Kirsch-Gewürz-Gazpacho mit Basilikum-Joghurt-Sorbet? Als Hauptgang ein Filet Wellington vom Damhirsch mit Barolo-Schoko-Sauce und Feigen? Oder Zimtspieße mit Sauerkirsch-Pfeffer-Sirup und Pastinaken-Sellerie-Crème? Vielleicht das Teriyaki vom Lachsforellenfilet mit Wassermelonen-Gurken-Relish und Wasabi-Limetten-Mayonnaise? Und zum Dessert ein geeistes Kaffee-Soufflé mit Orangenragout?
Der innere Imaginiergaumen schlägt Purzelbäume – schon beim Lesen dieser Menü-Melodie, erst recht beim Anblick der Fotos: makellos gestylt, prachtvoll inszeniert. Die Rezepte sind nach Jahreszeiten und Hauptzutaten geordnet, das Register makellos – hier findet man alles, kulinarisch wie praktisch.
So perfekt das Kulinarische, so schade das Literarische. Abseits der präzisen Anleitungen regiert hastig hingehauener Floskelsalat, aromatisch wie gekörnte Billigbrühe. Wenn im Text zum Frühling etwa Mörike „vermörkst“ und unvollständig stehen gelassen wird – „Der Frühling lässt sein Band an Zutaten, die unsere Sinne verzaubern“ –, sehnt man sich nach redaktioneller Sorgfalt. Doch die Brillanz von Fotos und Rezepten tröstet mühelos. Man will kochen. Am liebsten: alles.
Einige Ungenauigkeiten trüben den ansonsten sehr professionellen Gesamteindruck: Auf Seite 59 verstecken sich Zutaten im Fließtext, bei den Zimtwaffeltüten (S. 128) fehlt der angekündigte Tipp zum Rollen, und manche Komponenten erscheinen nur auf den Fotos, nicht aber im Rezepttext. Das bleibt jedoch die Ausnahme.
Die Rezeptauswahl selbst ist beeindruckend und voller Highlights – etwa auf Baumzapfen geräucherte Rehnuss, Miso-Garnelen mit gegrilltem Pfirsich oder ein geeistes Pistazien-Vanille-Soufflé mit Pfeffer-Kirsch-Ragout.
Ein inspirierendes Buch für ambitionierte Hobbyköch*innen, die ihre Gäste mit außergewöhnlichen Gerichten beeindrucken möchten.
Von unkompliziert bis anspruchsvoll: vom karamellisierten Aprikosensalat mit Tomaten, Ziegenkäse und Pesto-Couscous bis zum Filet Wellington vom Damhirsch mit Barolo-Schoko-Sauce und Feigen.
Vieles verlangt Zeit und Lust am Ausprobieren, nur wenig eignet sich für den ganz schnellen Alltag. Eine besondere Vorliebe von Koch Andreas Neubauer: Die Maronen-Gnocchi tauchen gleich zweimal auf – ein zweites Mal mit leicht abgewandelten Zutatenmengen und Beigaben.
Viele Gerichte setzen längere Zutatenlisten voraus, die jedoch im gut sortierten Supermarkt zu finden sind. Bei den Fleischrezepten führt der Weg oft zum Metzger, da manche Stücke nicht überall erhältlich sind.
Ein inspirierendes Kochbuch – manchmal extravagant, aber immer liebevoll gestaltet. Für mich ideal, um Gäste zu überraschen.
Held & Herd
Grenzenlos verwurzelt kochen
Autor/-in: Christoph „Krauli“ HeldVerlag: Servus
Kulinarische Grenzen durchbrechenChristoph »Krauli« Held steht für eine Küche, die im Salzkammergut zu Hause ist, aber die ganze Welt im Blick hat. Mit seinem Restaurant am Siriuskogl hat Krauli ein Kunststück vollbracht, von dem viele … [weiterlesen]
Preis: € 40,00
Begründung der Jury:
Seine Rezepte sind nach den Jahreszeiten gegliedert, jedes Kapitel beginnt mit ausführlichen persönlichen Texten, in denen er über seine Philosophie und seine Geschichten mit Heimat, Saison und Zutaten erzählt – so mitreißend, klug und empathisch geschrieben, dass es eine Freude ist! Die natürlichen, sympathischen matten Fotos von Monika Löff tragen dazu bei, dass man sich im Buch wohlfühlt. Es gibt ein Rezeptverzeichnis; ein Register hätte ich mir noch gewünscht.
Die Rezepte tragen Kraulis ganz eigene Handschrift: Weder lassen sie sich als deftige Wirtshausküche in die rustikale Schublade stecken, noch sind sie abgehoben individuell um jeden Preis – vielmehr sind sie einfühlsam kreativ, halten die Balance zwischen deftig und raffiniert, regional und international – und machen einfach Spaß!
Ich habe erfahren, dass frisches Buchenlaub fermentiert eine Delikatesse ist, wie man Sellerie in einer Kruste aus Erde gart, dass Saltimbocca von der Fledermaus vom Schwein stammt – und bin nun dank Krauli hochmotiviert, meine Vorratskammer mit Holunderkarotten, der „allergeilsten“ fermentierten Paprika-Chili-Sauce, Maiwipferlöl, fermentiertem Rotkraut und gepickelten Radieschen zu füllen. Im abschließenden Kapitel „Die Vorratskammer“ findet man noch mehr Reizvolles. Ein Buch, das auf ganzer Linie bereichert!
Sein saisonaler Aufbau verbindet persönliche Eindrücke mit einer Bandbreite von klassischen bis originellen Gerichten, stets getragen von Gespür für Aromatik, Balance und handwerkliche Klarheit. Eine unprätentiöse Einführung zu Kochmethoden und Food Pairing schafft Orientierung. Die Fotografie setzt auf klare, appetitanregende Draufsichten ohne Überinszenierung, die Rezeptführung ist sauber gegliedert und für Einsteiger*innen wie Fortgeschrittene gut nachvollziehbar.
Das Vorratskammer-Kapitel mit Techniken wie Fermentieren und Trocknen stärkt den nachhaltigen Ansatz; einzig ein Zutatenregister fehlt. „Held & Herd“ ist ein sympathisches, bodenständiges und zugleich raffiniert gedachtes Kochbuch, das Persönlichkeit, Kompetenz und echte Kochfreude verbindet.
Backt Sellerie in einem Teig aus Erde zu sämigem Püree, serviert Kumquat-Ragout zu einer Steinpilz-Crème-Brûlée mit Rosmarin, paart Sonnenblumenkern-Risotto mit karamellisiertem Chicorée. Immer wieder gibt ihn österreichischen Klassikern Twists, wie mit Johannisbeersaft und Kreuzkümmel zubereiteten Rotkohl.
Einfallsreich, köstlich, im Vergleich zum monumentalen Cook the Mountain von Richard Niederkofler grenzenloser – dadurch aber auch für „Fischköppe“ in der norddeutschen Tiefebene machbar, ohne allzu schwer erhältliche Zutaten. Selbst 100 Gramm Erde für den Sellerie-Mantel findet jeder draußen. Ob man auch Platz findet, Buchenblätter zu fermentieren? Andere Frage. Doch gerade dieser Mut zum Ungewöhnlichen zieht sich durchs ganze Buch – und macht seine Küche wie seine Geschichten eigen.
Nicht immer hoch literarisch, aber erdig und echt erzählt er entlang der Jahreszeiten aus seinem Leben. Er gibt umfangreich Tipps, was ihm in der Küche wichtig ist, wie man überschüssiges Gemüse wertschätzend und kreativ konserviert, was spannende Gerichte ausmacht. Die hat Monika Löff atemberaubend schön fotografisch in Szene gesetzt. Und so kocht „Krauli“ nicht nur ganz weit oben in der Bergeinsamkeit über Bad Ischl, er landet auch mit diesem so persönlich-kreativen Werk seines Lebens weit oben.
Christoph alias „Krauli“ eröffnet sein großes, schweres Jahreszeiten-Kochbuch mit elf Punkten, die zeigen, was für ihn ein gelungenes Gericht ausmacht – etwa „Gegensätze ziehen sich an“, „Mut zur Hitze“, „Begleiterscheinungen“. Einige wertvolle Aha-Momente inklusive.
Nicht nur ein Kochbuch: Man lernt den Koch kennen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, ohne ihm zu begegnen.
Passend zum Titel sind die Gerichte grenzenlos und wild gemischt – von rustikalen Brennnesselknödeln bis zu elegantem gebeiztem Saiblingsfilet, von asiatisch interpretierten Spargel-Maki bis zum österreichischen Hüttenbratl. Manche Sommergerichte wie Schweinsbackerl mit Pastinakenpüree und Speckbohnen sind mir für die Jahreszeit etwas zu deftig.
Gelungen ist auch das letzte Kapitel, in dem neben klassischen eingelegten Zwiebeln neue Vorratsideen Platz finden – etwa Pilzpulver oder Wassermelonen-Kimchi. Dazu gibt es hilfreiche Tipps zu Variationen, Resteverwertung und passenden Kombinationen.
Ein Buch für alle, die „Krauli“ kennenlernen, bewusst Zeit zum Kochen nehmen, bereits sicher am Herd stehen und gerne regional, aber mit Blick über den Tellerrand kochen.
Geschmacklich dominante Rosa Beeren werden auffallend häufig und im Ganzen eingesetzt, was nicht immer harmonisch wirkt. Die Fotografie schwankt: gelungene Aufnahmen (S. 68) stehen unscharfen Bildern (S. 208) und überstrahlten Dessertfotos (S. 214) gegenüber.
Spannend sind die experimentellen Rezepte wie Saiblingsfilet in Holunderblüten oder die Steinpilz-Crème-Brûlée. Auch das Vorratskammer-Kapitel mit Ideen wie Wassermelonen-Kimchi überzeugt durch Kreativität.
Insgesamt: viele kreative Ansätze, aber Schwächen in der Umsetzung.
Wochenmarkt. Mit Freude genießen
Lieblingsgerichte für jede Jahreszeit | Saisonale Koch- und Backrezepte mit Obst und Gemüse. Kochbuch fürs ganze Jahr
Autor/-in: Elisabeth RaetherVerlag: riva
Huhn mit Quitten, das nach italienischem Sommer duftet, würzige Auberginenfrittata, die sich als Fleischgericht tarnt, Pilzrisotto, nicht nur für Sammler, oder knusprige Spinat-Ricotta-Tarte, die einfach so schmeckt, im Stehen, direkt aus dem Ofen: … [weiterlesen]
Preis: € 25,00
Begründung der Jury:
Mal schraffiert sie in kurzen, knappen Strichen, warum Carpaccio nach einem Renaissance-Maler benannt ist. Dann verknüpft sie Risotto mit Pilzen und Gorgonzola mit Janoschs „Oh wie schön ist Panama“, plaudert über aufwändige Gerichte wie Ottolenghis scharfe Pilzlasagne, dreht dem Rezept aber trocken die lange Nase, kocht lieber Pasta mit Pilzen, Bohnen, Speck – und reißt den Leser aus dem Moment. Der findet sich unvermittelt in der Zubereitung eines Gerichts wieder, das die Journalistin in ihrer kleinen Küche irgendwo in Berlin kocht. Ohne aufzuräumen.
Diese Kopsibolter – lakonisch zum Leben erweckte Szenen, die aus dem Nichts ins Rezept purzeln – sind Essenz ihrer „Wochenmarkt“-Kolumnen. Eine ganze Reihe davon steht in ihrem neuen Buch – „Wochenmarkt – mit Freude genießen“ –, dem inzwischen sechsten. Wie schon die vorherigen verbirgt auch das Neue seinen unbändigen Zauber vor den flüchtigen Blätterern, indem Geschichten und Zubereitung untrennbar als Textblock verwoben sind. Besonders ist auch die Ästhetik der Fotos: weit weniger verspielt als die Texte, sehen sie ein wenig aus, als wären sie aus einem 70er-Jahre-Kochbuch entlaufen – allerdings ohne mit Aspikmassen übergubbelte Gemüse und aus Eiern, Tomaten und Majo-Klecksen gebastelte Fliegenpilze.
Liebend gern wäre man ihr mal auf längere Momentspaziergänge gefolgt – wo hier im Buch doch mehr Platz für Text wäre als unter Zeilendruck in der Kolumne der ZEIT. Doch liegen Witz und Wesen ja genau in der auf den Punkt gewürzten Kürze. Als faules Genie erschafft sie mit möglichst wenig Aufwand das Leckerstmögliche. Mit dem, was Jahreszeit und Wochenmarkt grad frisch hergeben. Genau das, wonach man sich abgekämpft nach harten Arbeitstagen sehnt. Lächelnd, während die gewitzte Autorin einen in den Zauber eines der Alltagsmomente mitnimmt, die sie sammelt. Von Goethe weiß man: „Sammler sind glückliche Menschen.“ Für diejenigen, die die Bücher von Elisabeth Raether sammeln, stimmt das ziemlich sicher.
Ihre Küche ist schnörkellos, produktnah und klar geführt: wenige Zutaten, präzise Anleitung, verlässliche Ergebnisse. Besonders stark ist ihre Fähigkeit, kulinarisches Erzählen mit journalistischer Präzision und menschlicher Wärme zu verbinden. Die Texte wirken persönlich, ohne privat zu werden – wie eine vertraute Stimme, die ermutigt und Orientierung gibt.
Gestaltung und Fotografie bleiben ruhig, übersichtlich und funktional; ein Rezept pro Doppelseite, klare Typografie, gute Auffindbarkeit durch Register und Gliederung. Wer große kulinarische Experimente sucht, wird hier nicht fündig – doch gerade darin liegt die Stärke: „Mit Freude genießen“ ist ein warmes, klug komponiertes Jahreszeitenkochbuch, das Alltagstauglichkeit mit erzählerischer Tiefe verbindet und Leser*innen durchs Jahr begleitet.
Das ist bei diesem Buch nicht anders. Und mag daran liegen, dass es sich ausnahmslos um Rezepte mit kurzer Zutatenliste und meist sehr überschaubarem Aufwand für die Alltagsküche handelt – die dann aber so gut schmecken, dass sie unweigerlich ins Repertoire hinübergleiten. Und auch gerne mal ohne Zeitnot und für Freunde gekocht werden.
Dabei handelt es sich um Dinge wie Linsensalat mit vielen Kräutern und Joghurt, Huhn mit Pflaumen (großartig!), Chicoreegratin mit Mandeln, Fischsuppe mit Kartoffeln, aber auch Internationales wie Georgisches Walnusshuhn, Spaghetti mit Miso-Butter, Zuppa Valdostana, Türkisches Zitronenlamm und Frittata mit Auberginen, Zimt und Kreuzkümmel. Süßes gibt es ebenfalls: Ricotta-Pistazien-Kekse, gebackener Zitronenpudding, Kardamomkuchen mit frischen Beeren und süße Focaccia mit Trauben und Thymian.
Das Buch beginnt mit einem nach Jahreszeiten geordneten Rezeptverzeichnis; zusätzlich gibt es ein Register, was die Alltagstauglichkeit stark erhöht. Das Layout ist einfach und klar: oben die Zutaten, unten zwei kurze Spalten aus Einführungs- und Rezepttext, die ineinander übergehen. Dazwischen viel Weiß. Bei den Fotos geht es dagegen wild, bunt und retro zu – manchmal etwas zu wild; sie verschwimmen mir gelegentlich vor den Augen. Aber die Glücksgefühle beim Genuss ihrer sorgfältig ausgewählten Speisen wiegen das locker auf.
Elisabeth Raether schafft es erneut und zeigt in ihrem sechsten Band, wie viel Raffinesse in unkomplizierten Rezepten steckt. Die Rezeptsammlung mit 90 Gerichten ist mit kurzen Zutatenlisten und charmanten Anekdoten versehen und lädt sofort zum Nachkochen ein.
Die Bildsprache bleibt dem Retro-Look treu und überzeugt mit hohem Wiedererkennungswert: handliches Format, links das Bild, rechts das Rezept – klar, reduziert und sympathisch.
Die Küche erinnert an Italien: wenige, sehr gute Zutaten, unkompliziert und stets mit dem gewissen Etwas – mal asiatisch, mal italienisch, mal mit einem Hauch von Indien, quer durch die Küchen der Welt.
Auch Kocheinsteiger profitieren von Rezepten wie türkischem Zitronenlamm oder Schokoladenfeigen. Ein Buch für alle, die alltagstauglich, unkompliziert und dennoch nie langweilig kochen möchten.
Weniger gelungen ist die Gestaltung der Zutatenlisten: Sie stehen jeweils in einer Zeile statt untereinander und beeinträchtigen so die Übersichtlichkeit beim Kochen. Auch die hart geblitzte, kontrastreiche Fotografie trifft nicht meinen Geschmack. Das schlichte Food-Styling hingegen zeigt überzeugend, dass die Gerichte wirklich zu Hause gelingen.
Etwas irritierend ist die Doppelung ähnlicher Rezepte – etwa zwei Varianten eines Olivenöl-Zitronen-Kuchens (S. 95, 217) oder zwei georgische Fleischgerichte mit Walnuss (S. 83, 115). Für eine kuratierte Sammlung wäre eine engere Auswahl wünschenswert gewesen.
Dennoch bleibt: alltagstaugliche Rezepte mit viel Charme, begleitet von Raethers typischem Witz und ihrer warmen Erzählstimme. Ein empfehlenswertes Buch – trotz kleiner Schwächen.
Flosse, Speck und Grünzeug
Naturnah kochen – wild und würzig
Autor/-in: Christian RußVerlag: AT Verlag
In der modern inspirierten Naturküche verschmelzen frische, regionale Zutaten aus Wald, Wasser, Wiese und Acker zu einem kulinarischen Erlebnis. Zander und Hirsch kommen auf den Teller, aber auch saftige Tomaten und aromatische Kräuter. Von zarten Forellen, … [weiterlesen]
Preis: € 38,00
Begründung der Jury:
Die Gestaltung wirkt durchdacht: ein organisches Cover, natürlich angerichtete Speisen, hervorragend fotografiert, dazu Rezepttitel, die sofort Neugier und Aromenbilder wecken.
Dickes Papier, schlichte schwarz-weiße Rezeptseiten und atmosphärische Naturaufnahmen ergeben ein stimmiges Gesamtbild.
Die Küche reicht von unkomplizierten bis hin zu anspruchsvolleren Projekten. Ein Buch für Naturliebhaber, die Freude an Techniken wie Räuchern oder Pökeln haben und nicht strikt vegetarisch kochen möchten.
Einziger Ausreißer: ein Rezept mit naturgeschützten Haselkätzchen, die man sich von abgeholzten Zweigen nehmen soll – das passt für mich nicht ins Konzept.
Insgesamt ein beeindruckend gestaltetes Werk.
Jule Feliz Frommelt fotografiert stimmungsvoll und reduziert, auf handgemachten Tellern, deren Ästhetik die Jahreszeiten wunderbar aufnimmt.
Ein Buch für Hobbyköch*innen, die Lust darauf haben, Haselkätzchen zu sammeln, Fische zu zerlegen und Techniken vom Beizen bis zum Räuchern auszuprobieren – und dabei hochwertige, handwerklich orientierte Küche schätzen.
Ungewöhnlichere Ideen – etwa Brennnesselpfannkuchen oder Desserts mit gesammelten Haselkätzchen – wirken eher additiv als überzeugend weitergedacht und stellen Anfängerinnen zudem vor praktische und ökologische Fragen. Die visuelle Gestaltung von Jule Felice Frommelt ist hingegen eine klare Stärke: atmosphärisch, ruhig und nah an der Natur. Die Rezeptführung ist übersichtlich, jedoch ohne Zutatenregister, was bei saisonaler Küche den Zugang unnötig erschwert.
Die Jahreszeitenkapitel enthalten teils einfache Rezepte wie Eiersalat-Schnitte oder Zucchiniauflauf mit Ziegenkäse und Holunder, teils aufwendigere Kombinationen wie Rote Bete „Wellington“ mit cremigem Wirsing oder Geflügelleber mit Pfefferkirschen, Chicoree und Kartoffeln sowie gute Ideen wie süße und salzige Stockbrotvariationen fürs Lagerfeuer. Bei den Kuchen und Desserts gefallen mir besonders die Rezepte rund um den selbst angesetzten Rumtopf. Spannend auch die karamellisierten Haselkätzchen, die laut Autor unter Naturschutz stehen – wofür ich jedoch nirgends eine Bestätigung finden konnte. Umso besser!
Es wird eingelegt, gepökelt, gebeizt und geräuchert, im Salz- und Heubett gegart, gegrillt und gebacken, im und über dem Feuer geschmurgelt.
Allerdings habe ich vergeblich nach Rezepten gesucht, in denen „jedes Teil des Tieres“ verwertet wird: hier Hühnerherzen, dort Leber, ansonsten die üblichen Verdächtigen. Beim Gemüse dasselbe: mal Karottengrün als Deko oder Tannennadeln im Brotteig – fertig. Was ich nicht vermisst hätte, wäre nicht ausdrücklich darauf hingewiesen worden. Sehr gut: die beiden Rezeptverzeichnisse nach Jahreszeiten und alphabetisch geordnet, wobei ich mir zusätzlich ein Register gewünscht hätte.
Eine alltagstaugliche Rezeptsammlung mit stimmungsvollen Natur- und Foodfotos von Jule Felice Frommelt und einem angenehm schlichten Layout.
Was kreative Gerichte betrifft, schüttelt Spitzenkoch Christian Ruß durchaus einige aus dem Ärmel, und manche haben sogar Zutaten aus der wilden Natur: Sauerteigbrot mit Nüssen und Tannennadeln etwa. Die Schupfnudeln mit Karotten samt Grün und Blauschimmelkäsesauce: sehr fein. Geflügelleber mit Pfefferkirschen, Chicorée und Kartoffeln: spannend.
Fotos von Jule Felice Frommelt umweben die Gerichte mit Zauber. Kreative Ideen wie Grießbrei mit karamellisierten Haselkätzchen treffen auf lebensgefährliche Anweisungen (Haselkätzchen an Bahngleisen sammeln). Hier und da lugen archaische Zubereitungsarten aus dem Unterholz: So wird ein Kürbis in die Glut des Lagerfeuers geworfen, ehe das durchgeschmurgelte Innere hinter der verbrannten Schale zu Blattsalat kredenzt wird. Da huscht kurz der Lauf der Jahreszeiten durchs Bild – man ahnt ein Konzept, doch es bleibt im Dickicht stecken.
Die Ideen bleiben fast komplett unerklärt. Wie fächern Brennnesseln das Rezept aromatisch tiefer auf? Was steckt hinterm Salat mit Hühnerherzen und Weintrauben? Was ein gegrillter Lamm-Hackspieß mit Krautsalat und BBQ-Sauce oder von Käse-Lauch-Suppe inspiriertes Geschnetzeltes mit den Jahreszeiten oder dem Buchuntertitel „Natürlich kochen – wild und würzig“ zu tun hat? Kaum ein erläuternder Satz hilft dem Leser durchs Gestrüpp.
Und was, wenn man den Kürbis nicht ankokeln oder abfackeln will? Wer nur einen Balkon hat, den er nicht wegen Ruß verrußen oder verkohlen möchte, muss leider drinnen bleiben. Alternativen und Abkürzungen – etwa für den Backofen – liefert der Koch nicht. Warum nicht?
Zusätzlich enttäuschend: Leider haben die Autoren sich auch ein ordentliches Rezeptregister samt Zutaten – für alle, die etwa gerade Rote Bete oder Mangold in der Gemüsekiste bekommen haben und ein Rezept suchen – gespart. Wer den Feuerkürbis sucht, findet ihn weder unter K wie Kürbis noch unter F wie Feuerkürbis, sondern unter B wie Brotsalat.
So wirkt Flosse, Speck & Grünzeug wie eine sorgsam gebundene Loseblattsammlung – traumschön bebildert, mit manch raffinierter Rezeptidee: viel Potenzial, kunstvoll verpackt, aber ohne Not wortkarg verspielt. Der „The Taste“-Finalist von 2022 führt uns hinaus in die Natur, lässt uns aber ohne jeden roten Faden im Wald allein.


