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Die beste Foodfotografie

202520242023
Splendido. Primavera/Estate
Der Deutsche Kochbuchpreis - GOLD

Ø 8.9

Splendido. Primavera/Estate

Italienische Küche für Frühling und Sommer

Autor/-in: Verlag: DuMont Buchverlag

Traditionelle Spezialitäten spielen zu bestimmten Anlässen eine große Rolle in Italien. Mit Mönchsbart, Artischocke und Favabohne wird der Frühling eingeläutet. Zur Festa della Donna am 8. März darf die Torta Mimosa nicht fehlen, zu San Giuseppe … [weiterlesen]

Begründung der Jury:

In meiner Wohnung hängen diverse Abzüge von Juri Gottschalls detailversessenen, reiselustmachenden Italienfotos – sie funktionieren nämlich auch ohne kulinarischen Bezug. Beim Betrachten von vergessenen Plastikstühlen und Mariendarstellungen auf LKWs will man sofort aufbrechen zum Roadtrip von Triest nach Neapel oder, am besten, gleich wie das Autorenpaar seinen Lebensmittelpunkt an den Gardasee verlegen. Die beiden neuesten Splendido-Titel folgen dem bewährten Prinzip aus inhaltlich wie sprachlich gewinnenden Texten, Rezepten nach Gefühl und besagtem Dolce-Vita-Bildmaterial. Der italienische Sommer braucht kein Extralob; zu den Annehmlichkeiten seiner kalten Jahreszeit gehört, dass sie statt Matsch Sonne bereithält. Fast alle schlicht-eleganten Foodfotos sind mit natürlichem Licht frontal von oben aufgenommen, weder auffällige Keramik noch sonstige Dekoration lenkt vom Hauptdarsteller ab: dem Essen. Die Gerichte sehen durchweg appetitlich aus, ohne perfektionistisch zu sein – was gut zu den fehlenden Mengenangaben passt, nach dem Motto: einfach machen, wird schon werden. Selbst wer kein einziges davon nachkocht, wird an diesen Grundlagenwerken schon rein optisch seine jahreszeitenunabhängige Freude haben.
Die beiden Autor*innen hinter Splendido sind für ihre Konsequenz und ihren Minimalismus bekannt. Beides schlägt sich auch hier wieder nieder. Fast alle Rezepte sind in der Draufsicht von oben fotografiert – Ausnahmen sind zum Beispiel zwei Granitas und ein Shakerato. Die Gerichte sind durchgängig vor hellen Hintergründen und auf Geschirr inszeniert, das nicht ablenkt und das – stets sehr appetitlich aussehende – Essen ganz ins Zentrum rückt. Die ergänzenden Bilder aus einem romantisch bröckelnden Italien sind schon Kunst. Nur leider sind keine Menschen zu sehen, dadurch bleibt die Stimmung ziemlich kühl. Aber man vermutet auch da, wie hinter allem in diesem Buch: Absicht.
Lakonisch ist das Wort, das mir immer in den Sinn kommt, wenn ich wieder irgendwo ein Foto von Juri Gottschall, einer Hälfte des Duos Splendido, sehe – es geht hier noch nicht um die Rezeptfotos, wohlgemerkt. Er schafft es so bravourös, in karger Bildsprache (Menschen sind nie zu sehen) die Improvisationskultur im italienischen Alltagsleben abzubilden, diese Duldung oder, besser, dieses selbstbewusste Ignorieren gewisser Schieflagen einzufangen. Etwa auf einem Minimarket-Schild, auf das die neuen Besitzer ihre Namen mäßig sauber lesbar über die vorherigen gesetzt haben – muss so reichen. Absolut unverkennbar sind die Rezeptfotos in den Splendido-Büchern: Hochformat, neutral-heller Untergrund, mittig ein Teller oder eine Schale, meistens aus der (manchmal leicht versetzten) Vogelperspektive festgehalten. Kein Besteck, keine gefaltete Serviette oder Ähnliches daneben. Dekor auf dem Essen: Fehlanzeige. So, wie es die italienische Küche handhabt. Alles Vorhandene ist von echter Bedeutung.
Diese Buchreihe erhält ihren besonderen Charakter durch die Talente der beiden Splendido-Macher. Die Texte von Mercedes Lauenstein ergänzen sich mit den kunstvollen Fotografien von Juri Gottschall, in denen Melancholie und stille Poesie des italienischen Lebensgefühls transportiert werden. Bei der aktuellen Beschäftigung mit den Jahreszeiten der italienischen Küche findet diese Arbeitsteilung eine gelungene Fortsetzung. Die produktorientierten Rezepte, die minimalistischen Teller und die stimmungsvollen Bilder von den Roadtrips durch die Provinzen ergeben ein leichtfüßig-schönes Gesamtwerk.
Ist Konsequenz ein Gefängnis?
Man erkennt relativ schnell ein Splendido-Gericht. Fast immer eine Top-down-Perspektive, fast immer leicht marmorierter Untergrund. Voll beleuchtet, kaum Schatten. Volle Konzentration auf den Teller.
Natürlich gibt es da nicht viele Möglichkeiten, abwechslungsreich zu sein.
Es fügt sich aber zu etwas Größerem, wenn man die Reportagefotos in den Büchern betrachtet. Splendido hat auch im Magazin schon immer versucht, das Bild eines Landes zu vermitteln, das anders ist als das Italien-Bild der Deutschen.
Ein Italien, das pur und rough ist. Das sich nicht für den Blick von außen verstellen will. Oder muss. Weil es mit dem Wesentlichen überzeugt: eine Handvoll guter Produkte, gekonnt kombiniert, keine Deko, kein Chichi.
Und deswegen ist Konsequenz hier kein Makel, sondern eine gute und logische Entscheidung.
EISBlick ins Buch
Der Deutsche Kochbuchpreis - SILBER

Ø 8.2

EIS

Autor/-in: Verlag: Callwey

EIN FEST FÜR DIE SINNE: In „EIS“ feiert das Eis seinen Tag in der Sonne – ausnahmsweise ohne dabei zu schmelzen. Angefangen beim Grundrezept lädt dieses etwas andere Kochbuch dazu ein, die beliebte Sommersüßigkeit nachzumachen und dabei richtig … [weiterlesen]

Begründung der Jury:

Vom Künstler Eric Kessel gibt es einen wunderbaren Bildband, der die vergeblichen Versuche einer Familie dokumentiert, ihren pechschwarzen Hund zu fotografieren, der auf jedem Foto leider nur zu einem kontrastlosen schwarzen Loch wird.
Eis zu fotografieren ist vielleicht nicht ganz so kompliziert, aber doch nah dran – ein Gericht, das ungeduldiger ist als jeder Chihuahua und somit der Albtraum jedes Foodfotografen sein dürfte.
Das Buch „Eis“ hat das Fotografieren nicht nur irgendwie geschafft, sondern hat das Lieblingsdessert wirklich brillant inszeniert. Ein schönes Spiel mit Zoom und Bildausschnitten, der Telezoom sorgt für dramatischen Kontrast zwischen scharfen und unscharfen Ebenen.
Das Setdesign ist verspielt, aber nicht unordentlich. Immer wieder finden sich interessante Elemente in der Unschärfe, gekonnt platzierte Kleckse und Tropfen zeigen ein liebevolles und aufwendiges Setdesign. Und der ungewöhnliche Full-frontal-Winkel erinnert eher an die Inszenierung von Cocktails als von Essen.
Die knifflige Kunst der Eis-Foodfotografie wurde bei diesem neuen Standardwerk makellos durchexerziert und schafft es, die etwas gleichförmige Thematik auf jeder Seite anders und immer großartig opulent zu inszenieren. Optisch ein Genuss, den man gerne mit kleinem Löffel verkostet.
Hallo, Neonröhreneiswaffel: Der Preis für das schönste Cover geht an diesen Titel. Auch Motto, Widmung und Kapiteltrenner sind in Neonfarben gehalten. Verschmitzt blickt uns Hubertus Tzschirner vom Autorenfoto entgegen, sein akribisch recherchiertes Wissen bebildert Daniel Esswein mit größtenteils ausgesprochen ästhetischen Fotos. Flüssigkeiten ausgießende Hände werden zum Glück sparsam eingesetzt, manche der Eisbecher sind skulptural inszeniert, ab und an fällt ein Siruptropfen. Hintergrund und Dekoration passen sich dem Gegenstand an – so werden Mochis mit Essstäbchen kombiniert und ein Bratapfel-Stollen-Eis mit Christbaumkugeln. Ein bisschen Schabernack darf auch sein, in Form von Eispfützen und fliegenden Minzblättchen. Die Schritt-für-Schritt-Fotos belassen es bei Funktionalität. Kritikpunkt Nummer eins: Bei einigen wenigen Close-ups ist die Auflösung nicht hoch genug. Kritikpunkt Nummer zwei: Auch wenn es in dieser Kategorie nicht um Sprache geht, möchte ich nicht aufgefordert werden, „die wunderbaren Bilder (…) zu bestaunen“ – sie sprechen schließlich für sich.
Bei manchen Close-ups ist man versucht, mit dem Finger übers Papier zu fahren und einen Rest Sorbet, der über eine stählerne Schüsselkante zu plumpsen droht, zu retten – so ungeschönt wirken sie, bloß einen Augenblick dokumentieren. Daniel Esswein weiß, wie lustvoll Eis ist, und erlaubt ihm Freiräume – es darf auch mal rinnen und tropfen. Kleines Manko bei den gestylten Eisbechern, wenn man genau hinblickt (und die Hintergründe kennt – Eis ist eine besonders knifflige Foodfoto-Gattung): Man sieht einigen Bildern die Tricks an, mit denen sich Esswein angesichts der Schmelzgefahr seiner Modelle beholfen hat. Etwa dass Eiskugeln als solche noch einmal einzeln gefrostet wurden, damit sie länger der Raumtemperatur standhalten. Ein Film aus winzigen Eiskristallen verrät das – frisch ausgestochene Eiskugeln haben keinen.
Dieses großformatige Buch steckt voller opulenter, appetitanregender Bilder. Das Foodstyling lebt von guten Ideen, ist teils vielleicht etwas konventionell, teils aber auch schön verspielt. Licht, Kontrast und Inszenierung sind professionell und wirken bewusst gewählt, kippen aber manchmal ein bisschen ins Werbliche, manchmal ins Kitschige oder Überladene. Wer sich selbst im Biografie-Kasten „Innovationstreiber“ nennt, hängt die Latte vielleicht ein bisschen zu hoch. Rein optisch ist vor allem der wiederkehrende Text auf Bild keine gute Idee – dadurch werden die Seiten unruhig, etwa beim Kürbis-Curry-Kumquat-Eis.
Rote Wand. Culinary Lab
Der Deutsche Kochbuchpreis - SILBER

Ø 8.2

Rote Wand. Culinary Lab

Eine neue alpine Küche. Kochschule. Fermentation. Naturküche.

Autor/-in: Verlag: CSV

Die Rote Wand in Lech ist ein kulinarisches Kompetenzzentrum. Das Hotel ist für seine herausragende Küche, seine Fondue-Tradition und den vielfach ausgezeichneten Chef’s Table bekannt. Herz der kulinarischen Innovation auf 1500 Meter Seehöhe ist … [weiterlesen]

Begründung der Jury:

Ein Buch voller großartiger Fotos mit klar erkennbarem Stil. Die Bilder sind kontrastreich, oft angeblitzt, insgesamt meistens laut. Aber das macht Freude und passt zum Ton und Selbstbewusstsein der Autorinnen. Auch die eingestreuten schwarz-weißen Bilder vermitteln Stimmung, statt in der intensiven Farbwelt unterzugehen. Die Autorinnen breiten das ganze Spektrum der alpinen kulinarischen Fähigkeiten und Inspirationen aus – in den Texten und Rezepten, aber auch fotografisch. Zwischen verwunschenen Landschaften und opulenten Bergpanoramen einerseits und Makrofotos von blasenschlagender Focaccia oder brutzelnden Krapfen andererseits kitzelt jedes Bild die Sehnsucht nach den Alpen. Schade, dass das blassorangene Cover die opulente Gestaltung nicht erahnen lässt. Obwohl die Fotos im Buch verraten, welch professionelle Ausrüstung und wie viel Platz hier zur Verfügung steht, wird trotzdem zugleich die Lust geweckt, manches zu Hause nachzumachen. Das gilt besonders für die selbst bestückte Speisekammer aus Fermentiertem und Eingelegtem zu Beginn des Buchs. Später wird es komplizierter; insgesamt lädt der Band nicht durchgehend zum Nachkochen ein – dafür umso mehr zum Staunen.
Eins vorweg: Der dieser Veröffentlichung zugrunde liegende Vorarlberger Familienbetrieb ist einer der schönsten Orte der Welt. Dementsprechend schwelgerisch geraten die Landschaftsaufnahmen in diesem durch den geprägten Einband hochwertig wirkenden Titel. In Sachen Porträts kann dessen Fotograf sowieso niemand das Wasser reichen: Ingo Pertramers blitziger In-your-face-Stil ist unverkennbar und macht jeden zum Star. In diesem Fall haben auch Hightech-Küchengeräte und ein eben aus der Erde gerupfter Sellerie ihre fünf Minuten Fame, ebenso Nahaufnahmen von Sanddornbeeren. Nicht zu vergessen: Hotelhund Alma! Gekonnt wird die meist kräftige Farbpalette durch vereinzelte Schwarz-Weiß-Fotos ergänzt, und getreu dem an einer Stelle verlauteten Motto „simple ist king“ passen die wie aus der Hüfte geschossen wirkenden Fotos von Vakuumbeuteln und Kombuchakulturen gut zu den eher simplen Rezepten im vorderen Buchteil. Die paprikahaltende Hand ist natürlich tadellos manikürt. In der Fine-Dining-Rezeptsektion spielt Pertramer viel mit Schärfe und Unschärfe, bei den Cocktails dann eher mit Schatten und Fläche – Letzteres gewinnt. Manche Perspektiven wie die Draufsicht auf ein Kombuchagläsertablett empfinde ich als verrutscht, was allerdings gut zum Thema passt. Statt Hochglanzperfektion geht es hier um Hemdsärmeligkeit, statt glattpolierter Teller um die Lust am Tun.
Eine fokussierte und radikale Hochküche, wie sie im „Rote Wand“ zelebriert wird, verlangt natürlich auch in dem Begleitbuch zum dortigen Culinary Lab nach einer besonderen Bildsprache. Tatsächlich ist die betont rohe, unscharfe und schmucklose Arbeitsästhetik der Bilder ein sehr stimmiger Kontrast zu den Feinheiten, die hier letztlich auf den Tellern entstehen. Man fühlt als Betrachter die viele Mühe und das Produktwissen hinter den Kulissen nach und erkennt sehr deutlich die schnöde und unglamouröse Notwendigkeit von Vorratshaltung und Handarbeit. Ehrlich, naturnah, passioniert.
Fingerabdrücke auf Einmachgläsern, per se wenig attraktive Plastikfolie, eine Dino-Kindertrinkflasche, geradezu subversiv zwischen Fermentationsgläsern abgestellt, oder ein Feuerlöscher neben einem Heizkörper: Geschönt, verräumt oder drapiert scheint in den von Ingo Pertramer fotografierten Kochbüchern prinzipiell kaum etwas. Inszenierung ist auch in diesem Buch, das sich zwischen der Lecher Bergwelt, der Versuchsküche und den Gasträumen des Hotels Rote Wand bewegt, höchstens den Rezeptfotos anzusehen, in geringem Maße. Zum Buchthema passt dieses Moment des Spontanen, diese Lebensspuren gut. Es geht hier schließlich gewissermaßen um das Eigenleben der Dinge – Fermentation in verschiedenen Spielarten ist ein zentraler Aspekt.
Bei Menschen sagt man ja gerne mal, sie hätten ein „Radiogesicht“. Vielleicht gilt das ja auch für Fermente. Vorteilhaft sind die Fotos in „Rote Wand Culinary Lab“ aus meiner Sicht nicht immer, lecker auch nicht unbedingt. Der harte Blitz überbelichtet alles, Helles versuppt, Dunkles verschwindet. Farben verlieren an Kraft, nur ein Gelbstich zieht sich immer wieder durch die Aufnahmen.
Aber: Ich bin mir sicher, dieses Buch wollte nie „lecker“ sein. Es soll kein Gruß aus der Küche sein, sondern ein Gruß aus dem Labor. Und wo viel Biologie passiert, ist es selten so richtig schön.
Daher ist der Look konsequent und mutig und hat sich meinen Respekt und mein Interesse verdient – nur meinen Appetit noch nicht ganz.
Goldene Zeiten
Der Deutsche Kochbuchpreis - BRONZE

Ø 8.1

Goldene Zeiten

Das Frittierbuch

Autor/-in: Verlag: AT Verlag

Goldbraun ausgebacken, aromatisch, kross – die Lust an frittierten Speisen ist ungezügelte Lebensfreude – dem mahnenden Gewissen wird ein wohltuendes Schnippchen geschlagen. Der Rezeptteil interpretiert klassische Rezepte traditionell oder augenzwinkernd … [weiterlesen]

Begründung der Jury:

Frittieren ist nichts Subtiles. Frittieren muss knallen.
Insofern ist der übersättigte Look, den Vivi D’Angelo hier gewählt hat, konzeptionell ziemlich passend. Übersättigt ist man ja auch gerne mal metabolisch, nach zu viel Heißem und Fettigem.
Das Setdesign fühlt sich an, als hätte jemand eine hochauflösende Kamera in die 70er und 80er gebeamt. Irre Muster und Farben lassen einen vergessen, dass das, was aus der Fritteuse kommt, meistens ja doch nur monoton goldgelb ist.
Doch selbst das kann ein Hingucker sein, wie die Close-ups und Unterwasseraufnahmen von Frittieröl zeigen, die als Trennseiten ein optisches Highlight sind.
Moment – müsste es nicht Unterfett-Aufnahme heißen?
Opulente Fotos, satte Farben, konsistente Optik, wie aus einem Guss. Fettes Lob! Erst hatte ich Zweifel: ein ganzes Buch nur übers Frittieren? Aber die Rezeptideen sind abwechslungsreich, die Grundlagen (und Sicherheitsfragen) werden anfangs gut erklärt. Und dankenswerterweise wird hier nicht so getan, als gehörten Airfryer-Gerichte in ein Kochbuch übers Frittieren. Die Fotografie ist knallig und intensiv, was aber wunderbar zum Thema passt. Und auch das Foodstyling ist großartig: so perfekt imperfekt, dass man außerhalb des Frames eine lebensfreudige Runde vermutet und sich sofort wünscht, mit am Tisch zu sitzen. Man kann den Autor*innen nur wünschen, dass ihr eigener Pessimismus auf der ersten Buchseite unbegründet bleibt – ein Buch übers Frittieren kaufe sowieso niemand, außer der Person, die gerade diese Zeilen liest.
Schon das Cover zeigt, wohin die Reise geht: ölig glänzende Fritten auf Statementgeschirr auf Mustermixdecke, dazu ein senfgelber Schriftzug. Alles an diesem monothematischen Werk ist LAUT. Die häufig in Versalien gehaltene, stets eyecatchende Typografie, das freche Wording („Leben am Limit“, „damit auch keiner heult“), erst recht die Bildsprache. Den theoretischen Teil schmücken beherzt ausgeleuchtete Close-ups von dreidimensional wirkenden Schmalzgebirgen und heftig blubberndem Öl. Im Rezeptteil gibt ein Siebzigerjahre-Prilblumen-Stil den Ton an, gemischt mit Arrangements im Stil kubistischer Gemälde. Viel Flohmarktgeschirr und passender Nagellack, meist schräg von oben aufgenommene Perspektiven. Beim Tweed-mit-Tweed-Foto mit dem Endloskäsestrang musste ich an das italienische Kunstmagazin Toiletpaper denken. Die Gerichte wirken appetitlich, das gilt, Respekt, sogar für Schweineohren und Pansen. All das passt zum Thema des von einem Liebespaar – dessen Porträtaufnahme sympathisch-unvorteilhaft wirkt – herausgegebenen Buchs: Frittieren ist nicht gesund, aber leider geil. Daher die kindliche Lust am Exzess, welche Vivi D’Angelo genial in ihre knalligen, hochauflösenden Fotos transportiert. Abgesehen davon zollt die Marktschreieroptik dem in den sozialen Medien herrschenden Kampf um Aufmerksamkeit Tribut, was vielleicht nicht jedem schmeckt – konsequent ist es allemal.
Nicht einfach – das Thema Frittierküche appetitlich und hochwertig aufzubereiten. In „Goldene Zeiten“ gelingt es ganz gut, denn die Bildsprache und das Styling haben eine sympathische Retro-Ästhetik erfunden, die das Thema ebenso augenzwinkernd wie einladend aufbereitet. Die Bilder sind – wie die Frittier-Rezepte auch – nicht ganz seriös, aber emotional und verlocken immer zum Reinbeißen.
Die Fotos in diesem Frittierbuch fallen eindeutig aus dem Rahmen, haben hohen Wiedererkennungswert. Vivi D’Angelo setzt hier auf eine Retrostilistik, ihre Fotos knallen dem Auge geradezu entgegen. Das Fettgebackene wird auf Flohmarktgeschirr (von Rauchglas bis Osteuropa-Blümchenfolklore) angerichtet, als Untergründe fungieren Gummitischdecken und Seventies-Stoffe. Die Farbkombis ecken durchaus an – Lachsrot und Violett, Fliederfarben und Gelb. Gut möglich, dass die Fotografin mit solchen trashigen Elementen den Bogen zum trashigen Image von Frittiertem spannen wollte. In meinen Augen muss sich das Frittierte aber diesem bunten Überschwang allzu sehr unterordnen, und manches gar extreme Umfeld minimiert den Yummy-Faktor von Gerichten wie Szechuan Hot Chicken oder Himbeer-Quarkkeulchen.
Flosse, Speck und Grünzeug

Ø 7.6

Flosse, Speck und Grünzeug

Naturnah kochen – wild und würzig

Autor/-in: Verlag: AT Verlag

In der modern inspirierten Naturküche verschmelzen frische, regionale Zutaten aus Wald, Wasser, Wiese und Acker zu einem kulinarischen Erlebnis. Zander und Hirsch kommen auf den Teller, aber auch saftige Tomaten und aromatische Kräuter. Von zarten Forellen, … [weiterlesen]

Begründung der Jury:

Ein lesenswertes Naturkochbuch, das in seiner Bildsprache den Spagat zwischen rustikaler Draußen-Küche und feinen Tellern versucht. Diese Balance gelingt über die ganze Strecke gut; poetische Naturaufnahmen ergänzen sich an vielen Stellen absolut stimmungsvoll mit den dazu passenden Rezepten. Eine ästhetische und fundierte Annäherung an eine roh-wilde Küchenphilosophie, die ganz nah am Herkunftsort ihrer Zutaten entlang erzählt wird.
„Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt“, kitschte einst Albert Camus vor sich hin. Immer Sommer – irgendwie auch eine Horrorvorstellung. Wer wie ich nicht so viel Gefallen an Weihnachten im T-Shirt findet, stimmt mir vielleicht zu: Gut, dass jemand die Jahreszeiten fotografisch festhält, solange es sie noch gibt.
Ich stehe zwar nicht unbedingt auf Nieselwetter, aber auf Abwechslung. Und die fängt „Flosse, Speck & Grünzeug“ vor allem in den Landschaftsaufnahmen mit interessanten Close-ups immer wieder ein, vor allem auf den sehr gelungenen Doppelseiten. Die Rezeptbilder sind schön arrangiert und sehr professionell eingefangen, allerdings vermisse ich ein bisschen das unverwechselbare, gewisse Etwas.
Der Untertitel „Natürlich kochen“ gibt auch bei Jule Felice Frommelts Fotografie den Ton an. Statt Blitz setzt sie auf natürliches Licht und sanfte Farben. Gelungen sind die Landschaftsszenen und Produktfotos – baumelnde Haselkätzchen, Schwarzkohlblätter im Spotlight –, auch wenn der Einsatz von Unschärfe bisweilen übers Ziel hinausschießt. Eine schöne Idee ist die Gegenüberstellung eines Gerichts und einer Naturszene: hier ein Teller Meeresspargel neben Wellen, dort ein im Lagerfeuer kokelnder Kürbis neben einem nebelverhangenen Wald. Im Gegensatz dazu wirken die Fotos der Gerichte weniger ansprechend, sind oft zu nah dran – muss man wirklich jede Salzflocke sehen? – und, wie im Fall der verkohlten Geflügelleber und des stark glänzenden Schweinebauchs, sogar unappetitlich. Hinzu kommt die bisweilen unbefriedigend hohe Auflösung. Angerichtet wird das Essen programmatisch konsequent auf zweifellos handgetöpfertem Geschirr und schlichtem Untergrund wie Holzbrettern und Leintüchern. Nein, es muss nicht immer alles hochglanzperfekt aussehen, aber vor allem bei den Gerichten ist Luft nach oben.
Dieses Buch durchziehen stimmungsvolle Naturfotos, an denen man die jeweilige Saison ablesen kann, zu der auch die Rezepte drumherum passen. Dieser Aufbau entlang der Jahreszeiten funktioniert sehr gut. Allerdings sind die Rezepte teils etwas zu kitschig gestylt, dann wieder etwas zu uninspiriert – beispielsweise bei einem Kartoffelsalat mit Gartenkräutern. Oder bei einem Kartoffelbrot und einem Brot ohne Kneten: Beide sind sehr ähnlich als ganzer Laib abgebildet, nicht aufgeschnitten. Manche Bilder sind etwas überbelichtet, etwa der Sellerie-Birnen-Salat. Andere Fotos geraten eher dunkel und kontrastreich. Die Zwiebel-Tarte-Tatin ist zu hart nachgeschärft. Zwischendrin stolpert man über appetitliche Makrofotografie, die eindeutig Essen zeigt, aber ohne zugehöriges Rezept. Das Buch enthält viele Goldnuggets, könnte aber konsistenter und konsequenter sein im Konzept.
Die fotografische Stärke dieses Buchs liegt für mich eindeutig auf den Naturaufnahmen. Die Rezepte, etwa Eiersalat-Schnitte, Ofenpfannkuchen mit Erdbeeren oder Kartoffelsüppchen mit Kohlrabitaschen, sind solide fotografiert, mit einem Hang zur Ausgeleuchtetheit. Die Bilder von einem in der Lagerfeuerglut vor sich hin kokelnden Kürbis, raureifüberzogenem Schwarzkohl oder sonnenbeschienenen violetten Tomaten am Strunk verströmen einiges mehr an Kochpoesie. Manchen Fotos, etwa jenem von der gegrillten Forelle mit Mais und Gurkensalsa, merkt man Jule Felice Frommelt den Wunsch an, die einzelnen Elemente möglichst naturbelassen strahlen zu lassen. Gelungen: das Nebeneinander von Naturelementen und dem dazugehörigen Gericht – etwa Haselkätzchen und Grießbrei mit karamellisierten Haselkätzchen.

Weitere Kochbücher zum Thema Foodfotografie aus den früheren Jahren:

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